Lückhoff-Institut Weimar

Frieder Lückhoff

Bereits im Mutterleib als noch ungeborener Mensch, lange bevor wir im Entwicklungsprozeß die Stimme benutzten, um mit unserer Umwelt zu kommunizieren, findet schon ein ständiger Austausch über die Sinneskanäle statt: Wir holen uns Informationen über Berührung, Druck, Vibrationen und Lageveränderung. Diese Fähigkeiten mögen eingeschränkt sein, im Alter nachlassen und im Sterbeprozess im fortschreitenden Maß reduziert oder stark fokussiert sein, sie enden jedoch erst mit unserem Tod. Oder wie der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (Menschliche Kommunikation, Hans Huber Bern 1990, S. 51) es einmal ausdrückte: „Der Mensch kann nicht nicht kommunizieren“. Der Mensch ist also vom Lebensanfang bis zu seinem Lebensende auf Kommunikation, auf Austausch mit sich, seiner Umgebung und Umwelt ausgerichtet.
Aus diesen Grundannahmen leiten sich nun wichtige Prinzipien des Konzeptes Basale Stimulation® ab.

Basale Stimulation® ist ein Konzept, das den Menschen in seinen individuellen und elementaren Bezügen in den Mittelpunkt stellt

In unserer Kultur und Gesellschaft sind die Fähigkeiten, sich sozialen und beruflichen Bezügen kritisch und flexibel zu stellen und sich seine Umgebung den eignen Bedürfnissen anzupassen, wichtige Maßstäbe und Bezugspunkte. Ihnen entsprechend definieren wir oft unsere Lebensqualität. Wir werden erzogen, lernen und bilden uns, um einen möglichst hohen Grad der Freiheit und Mobilität zu unseren gesellschaftlichen Bezügen zu erreichen. Dabei benutzen wir entsprechend unsere Fernsinne (z. B. des Sehens und Hörens); sie dienen uns als Mittel zum Zweck.

Wenn unsere Möglichkeiten, über Sehen, Riechen und Hören unsere Umgebung wahrzunehmen, beispielsweise in Krankheit, Behinderung, Alter und Demenz, eingeschränkt sind oder wenn die Informationen, die wir über diese Sinne erhalten, nicht mehr adäquat ausgewertet werden können, dann werden körpernahe Wahrnehmungen existentiell. So wie wir unsere Basis für die gesamte weitere Entwicklung über vestibuläre, vibratorische und somatische Erfahrungen als Embryo und Fetus pränatal schaffen, so sind diese körperbezogenen Erfahrungen in Krisensituationen Grundlage, um Entwicklung körperlich, seelisch oder geistig (wieder) zu ermöglichen.

Menschen in Krisensituationen neigen dazu, sich zurückzuziehen. Dies kann ein wichtiger Schritt sein, um wieder zu sich zu finden. Er ist jedoch fatal, wenn dies zur eine Grundtendenz wird und bedeutet dann Isolation. Dies kann definitiver Wille eines Menschen sein. Doch ich bin überzeugt, daß in den meisten Fällen, in denen dieser Rückzug stattfindet, diesen Menschen keine positive Perspektive zur Verfügung steht. Hier benötigen sie Unterstützung durch ihre Umgebung.

Wir können sagen, das sich in diesen Krisensituationen unser primäres Bezugssystem verändert. Das Konzept der Basalen Stimulation stellt den in seiner Wahrnehmung stark eingeschränkten Menschen in einen elementaren Bezugsrahmen seiner individuellen Fähigkeiten.

Basale Stimulation® ist ein pädagogisches Konzept

Menschen lernen und behalten das Gelernte am besten, wenn die Motivation zum Lernen aus ihnen selbst heraus kommt. Wenn die Lernangebote unsere Neugierde wecken, uns unsere Fähigkeiten nutzen lassen, uns nicht
über-/unterfordern und wenn sie für uns Sinn machen. Dann entwickelt der Mensch überraschende Fähigkeiten und findet aus sich heraus Problemlösungen.

Je elementarer das zu Erlernende ist, je stärker es die Organisation und Strukturen des Körpers betrifft und je weniger wir kognitiv ein Problem in uns lösen können, desto mehr scheint es so zu sein, daß wir die Führung unserem eigenen Körper überlassen müssen – er weiß dann am besten, was er zur „Gesundung“ braucht. Wir als Helfende, Pflegende, Therapeuten wirken dann auf das Umfeld des Betroffenen unterstützend und fördernd ein.

In der Basalen Stimulation® machen wir Angebote. Wir suchen einen Zugang zum Menschen und versuchen mit ihm über verschiedene Sinne zu kommunizieren. Dabei wählen wir Angebote, die in erster Linie seine Fähigkeiten ansprechen sollen. Grundsätzliche (basale, elementare) Fähigkeiten des Menschen werden genutzt, um Beziehung aufzubauen. Durch Zuwendung und Hinwendung erfährt der Mensch, daß er gemeint ist. An Materialien, die seine Wahrnehmungsmöglichkeiten über die Haut (z. B. Mechanorezeptoren), das Vestibularorgan (sich in unterschiedlicher Position erleben) oder die Propriozeptoren (z. B. Vibrationen) anregen, erfährt er sich und setzt sich mit den Eigenschaften des Materials auseinander. Diese Selbsterfahrungen sollen seine Neugierde auf seinen Körper und seine Umgebung wecken und seine Entwicklung im Körper und Geist anregen.

Diese Prinzipien gelten bei allen Menschen, unabhängig wie groß ihre Defizite sind oder/und in welchem Lebenszyklus sie stehen. Arbeiten mit Kindern bedeutet, sie haben keine oder wenig Vorerfahrungen auf kognitiver Ebene verarbeitet. Sie entdecken sich und ihre Umwelt neu und folgen den menschlichen Entwicklungsschritten durch Wahrnehmung und Bewegung (Piaget, J. 1978) (vgl. z.B. Piaget, J.: Theorien und Methoden der modernen Erziehung, Frankfurt 1978). Umgang mit erwachsenen oder alten Menschen bietet uns zusätzlich noch die Ressource, an Vorerfahrungen, Erinnerungen und Lebenserfahrungen anknüpfen zu können: Menschen, die einen engen Bezug zum Betroffenen haben (vgl. Zieger, A.: Informationen und Hinweise für Angehörige von Schädel-Hirn-Verletzten und Menschen im Koma und apallischen Syndrom, Oldenburg 1998, Eigenverlag: Ziegelhofstr. 57, 26121 Oldenburg); Sinneserinnerungen, die an schöne und wichtige Ereignisse geknüpft sind (hier hilft uns die biographische Anamnese) und Erfahrungselemente aus der Lebenswelt des Betroffenen (vgl. Böhm, E.: Verwirrt die Verwirrten nicht, Bonn 1988).

Basale Stimulation® ist ein Förderkonzept

Den Fördergedanken, den Menschen in seinen Fähigkeiten zu unterstützen, diese zu stärken und auszubauen, stehen klassische Therapiegedanken entgegen. Denke ich medizinisch-therapeutisch, so stehen in erster Linie die Defizite, Erkrankungen und Behinderungen des Menschen im Mittelpunkt meiner Bemühungen. Anhand meiner Techniken, Methoden und Prinzipien der Therapiekonzepte, verbunden mit meinem erlernten Fachwissen kann ich, vielleicht individuell auf die Situation des Betroffenen zugeschnitten und seinen Möglichkeiten entsprechend, sich aktiv am Erreichen der Ziele zu beteiligen, einen Therapieplan ausarbeiten. Dieser soll dem Betroffene helfen, wieder gesund zu werden, mit seinen Problemen besser umgehen zu können oder den Status nicht zu verschlimmern. Während in diesem Ansatz das Defizit des Menschen im Vordergrund steht, ist das Augenmerk der Basalen Stimulation® auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen fokussiert. Seine Umgebung nutzen wir als Ressource, so daß sich seine Fähigkeiten wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu bewegen entwickeln können. In zweiter Linie können dann diese wahrgenommenen und ausgebauten Fähigkeiten Auswirkungen auf die Defizite des Menschen haben.

In der Basalen Stimulation® setzen wir uns Ziele. Würden wir diese nicht haben, wäre das Handeln chaotisch und unsystematisch. Ein Lernpotential für den Pflegenden oder Therapeuten gäbe es dann nicht. Da wir aber von den (unausgesprochenen) Zielen des Betroffenen ausgehen, ihm die Zielsetzung überlassen, müssen wir bereit sein, unsere Angebote immer wieder anhand seiner Reaktionen zu überprüfen und gegebenenfalls völlig zu verwerfen. Die Schwierigkeit dieses Ansatzes liegt in unseren sehr unterschiedlichen Wahrnehmungsfähigkeiten, um Reaktionen und Antworten der Betroffenen zu erkennen.

Da Leben nie linear verläuft, das lineare Ursache-Wirkungs-Prinzip nur ein menschliches Hilfskonstrukt ist, distanziert sich das Konzept Basale Stimulation® davon. Es versteht sich als ein Konzept, das in einem sehr dynamischen zwischenmenschlichen Prozeß Entwicklung begleitet. Ein Angebot kann völlig abgelehnt oder ganz anders genutzt werden, als vom Anbietenden gedacht. Wir können und wollen aus der Sicht der Basalen Stimulation® diesen Prozeß nicht steuern und ein gewünschtes Ergebnis erzielen. Wir begleiten den Betroffenen mit unseren Fähigkeiten und unserem Fachwissen.

Basale Stimulation® ist ein Konzept

Das Konzept vermittelt „Schlüsselqualifikationen“, im weitesten Sinn Strategien und grundsätzliche Prinzipien, diese bilden nur einen weit gefaßten Rahmen. Sie prägen zudem die Grundhaltung zum Gegenüber. Dies verlangt natürlich entsprechend hohe Kompetenz (fachlich, sozial und menschlich) und bietet dem Berufsanfänger wenig Sicherheit und Struktur.

Wir sprechen von einem Konzept und nicht von Methoden, die dem Handelnden Rezepte und Handlungsstruktur an die Hand geben. In der Pflege haben wir die Erfahrung gemacht, daß Methodenvermittlung leicht zu ritualisierten Handlungen verleitet. Damit können wir dem einzelnen Menschen in seiner individuellen Situation wenig gerecht werden. Ein Indiz dafür, daß die Basale Stimulation® immer wieder als Methode verkannt wird, sind Äußerungen wie: „Das machen wir auch auf unserer Station. Wir waschen die Patienten beruhigend und belebend.“ Hier wird das Konzept reduziert auf die Methoden der Waschungen.

Auf der einen Seite unterscheiden sich die oben genannten Prinzipien klar von anderen Konzepten und Behandlungskonzepten. Andererseits ist die Basale Stimulation® als offenes Konzept zu verstehen. Das heißt, es läßt sich z. B. gut mit den Konzepten Kinästhetik, Bobath und Affolter vereinbaren. Dies ist wenig verwunderlich, denn es geht in diesen Konzepten immer um die gleiche Bezugsgröße: Der Mensch in seiner körperlichen, geistigen und seelischen Not- und Krisensituation. Zudem sind es Konzepte, die mehr oder weniger körperorientiert sind.

Die Besonderheit des Konzeptes Basale Stimulation® nach Professor Andreas Fröhlich ist sicherlich:

In der Entwicklung des Embryos und Fetus im Mutterleib erhält das Kind schon in sehr frühen Phasen Informationen im somatischen Bereich (alles, was unsere Haut betrifft), im vestibulären Bereich (Erfahrungen mit der Schwerkraft, den Lageveränderungen und Bewegungen der Mutter) und vibratorischen Bereich (auf den ich im Folgenden näher eingehen werde). Bereits die Zelle ist diesen Informationen ausgesetzt, speichert ihre Erfahrungen mit der Umwelt ab und kommuniziert mit den bereits angelegten Zellen, um dann funktionierende Systeme errichten zu können.

Wir sind zeitlebens Vibrationen ausgesetzt. Die schnellen Schwingungen, die Vibrationen als solches darstellen, geben dem Menschen sehr viel Auskunft über den eigenen Körper, seine Ausmaße und seine Funktionen. Zuständig für die Wahrnehmung sind zum einen die Mechanorezeptoren in der Haut (Meissner´schen, Vater-Pacini´schen und Merkel´schen Körperchen) und die Propriozeptoren in den Sehnen, Muskeln und Gelenken. Rezeptoren reagieren auf Bewegung bzw. auf Unterschiede. Bei den Vibrationen geschieht dies durch Druckimpulse (Erschütterungen oder vibrierende Geräte) und durch schnelle Bewegungen im Körper (z. B. Zittern) oder am Körper (z. B. Schüttelungen oder schnelle Verschiebungen).

Wir setzen uns selbst diesen Vibrationen aus, ohne daß wir uns dessen immer bewußt sind. So holen wir uns Rückmeldungen über Erschütterungen beim Gehen. Um bei diesem Beispiel zu bleiben, und um beide Perspektiven von Stimulationsangeboten aufzuzeigen, betrachten wir diese vibratorischen Informationen genauer. Beim Gehen setzen wir uns Erschütterungen aus, der Boden schwingt und wir erhalten so klare Aussagen über die Qualitäten des Bodens (z. B. weich, hart, steinig). Gleichzeitig setzen sich diese Schwingungen über unseren und durch unseren gesamten Körper fort. Besonders der Halteapparat eignet sich hervorragend, Vibrationen über den ganzen Körper zu verteilen. Dadurch ist uns unser Körper in jeder Position „bewußt“ und wir können uns in Bezug zur Umgebung orientieren und bewegen.

Wenn Vibrationen als Angebot eingesetzt werden, sollten verschiedene Kriterien bedacht werden, um die Stimulation möglichst gezielt der Situation des Betroffenen anzupassen.

Wir unterscheiden Vibrationen am Knochen von denen an Muskelgewebe. Entsprechend meiner Ziele setze ich unterschiedliches Material ein. Vibrationen entstehen durch Druck/Stoß und durch seitliche Bewegungen (meist Verschiebung der Haut/Hautschichten). Verschiedene Schwingungsfrequenzen (Geschwindigkeit der Schwingungen) und Schwingungsamplituden („Heftigkeit“ der Schwingungen) bieten Variationen des Einsatzes.

1 Ort der Vibrationen

1.1 Vibrationen am Knochen

Besonders die Knochenstrukturen in den Röhrenknochen sind geeignet, feinste Vibrationen weiterzuleiten. Setzt man sie oberhalb des Sprunggelenkes an, so sind sie einerseits bis in die Zehenspitzen wahrnehmbar, andererseits bis hoch ins Becken. Mit elektischen Geräten lassen sich Vibrationen in bestimmte Richtungen schicken. Von außen ist dies zu kontrollieren, indem wir mit der freien Hand ankommende Schwingungen erspüren (z. B. an der Hüfte oder an den Zehen). Sie lösen beim Betroffenen eine hohe Aufmerksamkeit aus, die bei den meisten Menschen in den Gesichtzügen ablesbar ist. Die Wachheit wird in Richtung des Körperanteils gelenkt, an der die Vibrationen zu spüren sind. Dadurch wird dem Betroffenen bewußt, daß er ein Bein hat: so kann der Körper das (vielleicht verloren gegangene) Körperbild ergänzen und überprüfen, eine innere Stabilität wird gefördert (Fröhlich 1992). Durch die hohe Präsenz des Beines ist eine anschließende Mobilisation aus dem Bett gut vorbereitet, eine Benutzung und Belastung der Beine und Füße eher möglich. Im therapeutischen Alltag biete ein solches Angebot dem in seinen Fähigkeiten Eingeschränkten, sich in der Vorbereitungsphase dem Körperbereich stärker zuzuwenden, seine Konzentration auf das Bein oder den Arm/die Hand zu fokussieren, so dass ein Einüben von Bewegungsabläufen leichter fällt oder gar erst sinnvoll erscheint.

Weitere Ansatzpunkte für das Vibrationsgerät können die Spina iliaca, das Tibia-Köpfchen, das Fersenbein sowie das distale Ende des Radius und der Fibula sein.

Im Kopfbereich reagiert der Mensch sehr empfindlich auf Vibrationen. In diesen Bereichen ist noch das Arbeiten mit Stimmgabeln sinnvoll, ab 128 Hz aufwärts in den Tonbereich. Setzt man die Stimmgabel an den Fontanellen, an der Kinnspitze oder hinter dem Ohr am Schädelknochen an, so ist ein heller Klang im Innenohr zu hören (neurologisches Testverfahren). Diese Töne können auch von Menschen wahrgenommen werden, die mit dem Hören allgemein nichts anfangen können. Ich würde es bei diesen Menschen eher als ein „in sich hineinhorchen“ bezeichnen (vgl. Tomatis, A. A.: Der Klang des Lebens, Reinbeck/Hamburg 1994, S. 229f). Dies bewirkt beim Horchenden eine hohe Konzentration, was wiederum eine Möglichkeit ist, eine Begegnung mit dem Betroffenen zu beginnen. Hier denke ich z. B. an Menschen im apallischen Durchgangssyndrom, die ich mit Sprache kaum erreiche, die durch mich hindurch zu schauen scheinen oder/und wo ich den Eindruck habe, dass sie über ihre Wahrnehmung den eigenen Körper wenig spüren. Bei diesem Angebot kann ich von außen deutlich sichtbare Veränderungen im Gesichts- und Mimikbereich beobachten, sie machen den Eindruck, dass ihre Wachheit zunimmt. Ich versuche dann, diese gewonnene Aufmerksamkeit auf ein weiteres Angebot oder zu mir hin zu lenken, was häufig gelingt.

Vibrationen an den oberen Extremitäten werden durch das sehr „lockere“ Schultergelenk stark reduziert, kaum mehr an den Thorax weiter geleitet. Dagegen können die Schwingungen von den Beinen ausgehend vielfach noch im Thoraxbereich empfunden werden.

Am Thorax selbst werden die Vibrationen zwar in die Tiefe weitergetragen, nicht jedoch über die knöchernen Anteile selbst. Trotzdem können Vibrationen, insbesondere mit den Händen, Körperbegrenzungen und das Körpervolumen wahrnehmbar machen.

Feinste Vibrationen am Knochen können tonusreduzierend wirken, eine Entspannungsphase einleiten und die Aufmerksamkeit des Betroffenen für ein weiteres Angebot bereit machen.

1.2 Vibrationen am Muskel

Es eignen sich hierbei besonders großflächige und grobere Vibrationen (mehr Schüttelungen). Punktuelle Vibrationen wirken eher schmerzhaft. Bei schnellen Schwingungen habe ich häufig Tonuserhöhung bis Spastikauslösung beobachtet, wobei die Reizschwelle genauso individuell ist wie die Reaktion auf Angebote allgemein. Ich bin prinzipiell sehr vorsichtig mit Vibrationen am Muskel, wenn bei Kontaktaufnahme mit dem Betroffenen schon eine sehr heftige Reaktion wahrnehmbar ist.

Berührung und Druck verlieren rasch an Bedeutung für die Wahrnehmung. Durch zusätzliches Vibrieren mit den Händen läßt sich nicht nur die Aufmerksamkeit für die Berührung verstärken, sondern auch die Wirkungsdauer verlängern.

Benutzt man Vibrationsgeräte am Muskel, so habe ich die Erfahrungen gemacht, nicht direkt mit den Geräten an den Muskel zu gehen, sondern die eigene Hand als „Puffer“ dazwischen zu legen. Dies hat auch den Vorteil, dass ich die Vibrationen besser kontollieren kann und dass ich den Körperkontakt zusätzlich nutze (vgl. 3.4).

Die Geräte können punktuell und lokal angesetzt werden (hier könnte die Intension sein: „spüre hin an den Ursprung des vibratorischen Angebots und nimm die Richtung seiner Ausbreitung wahr“, „folge den Vibrationen und nimm die Körpertiefe wahr“) oder man gleitet mit dem vibrierenden Gerät die Körperkonturen ab (mögliches Anwendungsziel: „erspüre den ganzen Umfang, die Fülle des Körperteils über die Vibrationen“) (Bienstein 1999).

1.3 Vibrationen am Halteapparat

Schwingungen zur Wahrnehmung des Körpers lassen sich auch von den Extremitäten aus über den Halteapparat (Knochen, Gelenke, Muskeln u. a.) schicken. Dabei liegt der Betroffene in einer (Lagerungs-)Position, die es ihm ermöglicht, dem Angebot zu folgen und in der es angenehm für ihn zu gestalten ist. An den Füßen oder am Schienenbein (ebenso an Händen und Unterarm) gibt man vibratorische Impulse in Richtung Körperstamm (Vibrationen über Druck). Natürlich sind Impulse auch unter leichtem Zug an der Extremität möglich. Dabei sollte besonders auf die Reaktionen des Betroffenen geachtet werden. Grundsätzlich geht es nicht um möglichst „heftig“ oder „lang“.

Die Unterlage verstärkt oder schwächt die Schwingungen je nach Qualität (z. B. Härte der Auflagefläche). Gerade bei diesem Angebot gibt es sehr schnell ein „Zuviel“. Daher empfehle ich, diese Angebote zuerst an sich selbst zu erspüren und es an einer/m Kollegen/in mit Rückmeldung auszuprobieren.

1.4 Vibrationen über die Umgebung

Vibrationen werden aus der Umwelt ständig auf uns übertragen. Aus meiner Kindheit weiß ich noch, wie die Vibrationen des Automotors mich schon nach kurzen Fahrstrecken mit der Übelkeit kämpfen ließen. Oder wie ich liebend gerne auf dem Kühlschrank in der Küche saß und der Mutter beim Kochen zuschaute. Später dann meine Erfahrungen mit der Diskothek: ich konnte nur hingehen, wenn ich nichts oder wenig gegessen hatte – ansonsten wurde mir sehr flau im Magen. Und nach dem Verlassen der Einrichtung, erinnere ich mich noch sehr lebhaft, wie das Gefühl da war, dass auch der Boden/die Straße unter mir schwingt und ich weiche Knie hatte.

Die ersten Annäherungen mit einem Vibrax-Gerät bei einer taubstummen Bewohnerin gestaltete ich über die Umgebung. So machte diese ihre ersten Erfahrungen mit den sehr heftigen Schwingungen über den Boden, auf dem sie stand. Und, obwohl der Abstand etwa 1 Meter betrug, reagierte sie sehr beunruhigt, hob immer wieder einen Fuß hoch, so als ob sie den Schwingungen ausweichen wollte. Inzwischen liebt sie das Gerät und legt es sich selbst am Körper an, wobei sie selbst bestimmt, wie lange sie es haben möchte.

Legen sie jemanden auf den Boden einer Turnhalle (der Boden überträgt sehr gut Vibrationen und Schwingungen). Und nun können Sie über das „Stampfen“ mit den Füßen oder das Klopfen mit den Händen spielerisch einen Dialog aufbauen. Elemente können sein: nah – fern, sich nähern – sich entfernen, starke und leichte Schwingungen, die Aufmerksamkeit um den ganzen Körper herum wandern lassen, über Bewegungen des Bodens die Körperseite spüren lassen u. a. m.

Auch die Matratze eines Krankenbettes kann Umgebung sein, über die ich mich dem Menschen mittels Vibrationen erst langsam nähere. Es kann eine Art „Anklopfen“ sein. Oder man sendet damit die Mitteilung, daß ich sein/ihr persönliches Territorium achte.

Die Vibrationen über Umgebung sind unspezifischer und wenig gezielt therapeutisch, aber im Bereich Beziehung / Dialog sehr gut einsetzbar. Zudem bietet sich die Chance die Phase der Annäherung so zu gestalten, dass zu Beginn Distanz und  Sicherheit vermitteln werden können (in unserer Kultur wahren wir bei der Begrüßung normalerweise auch eine gewisse Distanz).
 

2 Vibrationsmaterial 

2.1 Hände

Unsere wichtigsten Stimulationsmittel sind die Hände. Sie vermitteln Nähe, Sicherheit und Zuwendung. Sie spenden Trost, Geborgenheit und sind wichtige Kommunikationsmittel (in unserer Kultur begrüßen wir uns mit Händedruck). Gleichzeitig kann ich sehr differenziert mit Druck, Geschwindigkeit der Bewegungen, Fläche und Richtung arbeiten. Neben der Erfahrung mit dem Vibrationsangebot, die der Betroffene dabei macht, steht bei der Stimulation mit den Händen immer der Aspekt der Kommunikation, der Begegnung und des Dialoges im Mittelpunkt. Hinter jeder Berührung ist die Person, die die Berührung macht, nicht wegzudenken.

Die Variationsmöglichkeiten mit den Händen sind mit keinem Gerät möglich. Neben der seitlichen Verschiebung der Haut kann man auch Vibrationen in den Körper senden. Vibrationen lassen sich unter Beibehaltung des direkten Hautkontaktes punktuell über die Fingerspitzen, flächig über ein bis zwei Händen, über Handkanten oder (lockere) Fäuste weiterleiten. Mit leichtem Klopfen haben Vibrationen ganz andere Qualitäten.

2.2 Stimme

Während wir sprechen oder singen können wir unseren Körper über Vibrationen erspüren. Verschiedene Laute und Buchstaben in die Länge gezogen, hohe oder tiefe Töne bieten unterschiedliche Vibrationserfahrungen. Explosiv-Laute (z. B. P, T), Summ-Laute (z. B. O, M), Zisch-Laute (z. B. ß, Z) oder Kehl-Laute (z. B. G, B) werden in der Logopädie und Atemtherapie verwendet. Wir können diese Laute nutzen, um dem Betroffenen vibratorische Erfahrungen zu vermitteln: nehmen wir dazu die Hand des wahrnehmungseingeschränkten Menschen, legen sie auf unser Sternum und nutzen dann unsere eigene Stimme. Dies geht ebenso mit den Füßen (Fußsohlen), Rücken an Rücken oder bei Kindern, in dem sie mit ihrem ganzen Körper an oder auf dem Brustbereich liegen.

Diese Art von Vibrationen sind sehr nah, nicht ohne Beziehung durchführbar. Aber sie vermitteln auch einen hohen Grad an Entspannung, Ruhe und Sicherheit und werden mit verbaler Kommunikation (auditives Angebot) verbunden. Besonders intensiv lassen sich diese Vibrationen noch mit eigenen Körperbewegungen (so bietet man eine Verknüpfung mit dem vestibulären Sinn an) verstärken. Oder man greift den Atemrhythmus des Betroffenen auf und unterstützt die Ein- bzw. Ausatemphase mit der Stimme.

2.3 Elektrische Geräte

Das Angebot von elektischen Vibrationsgeräten ist unüberschaubar. Daher werde ich nur ein paar sehr unterschiedliche Kriterien und Beispiele von Geräten ansprechen.
Zum einen finden sich im Alltag unzählige „Vibratoren“, die den Vorteil haben, dass sie beim Betroffenen an Vorerfahrungen anknüpfen. Dazu zählen Rasierapparat, elektische Zahnbürste und mechanischer Wecker.

Dann werden verschiedenste Massagegeräte in Warenhäusern angeboten. Wenn die Schwingungen sehr schnell sind können sie punktuell am Körper, im knöchernen Bereich eingesetzt werden. Auch in den Katalogen für therapeutischen Bedarf finden sich solche Geräte, teilweise sogar im Wasser anwendbar (was eine zusätzliche Qualität/eine hohe Intensität bietet).

Um Körperverbindungen bewußt zu machen, bietet es sich an, mit zwei Vibratoren zu arbeiten. Legt man ein Gerät unter das Schulterblatt und setzt das andere oberhalb des Sprunggelenkes an, wird die gesamte Körperseite unter Schwingung gesetzt. Die Hauptwirkung ist nach Entfernen der Geräte zu empfinden. Natürlich können so auch Diagonalen (Verknüpfung beider Körperseiten) betont werden. Diese Möglichkeit habe ich gelegentlich bei Menschen nach einem Schlaganfall mit beginnender Rückbildung von Funktion eingesetzt, und dabei die mehr mit der weniger betroffenen Seite verbunden. Die Rückmeldungen waren unterschiedlich: während die einen Unterschiede erspürten, empfanden die anderen beide Seiten stärker zusammengehörend. Wieder andere spürten keine Unterschiede, konnten aber danach Bewegungsansätze besser durchführen oder lehnten die Vibration als etwas sehr Unangenehmes ab. Wenn man zwei unterschiedliche Vibrationsgeräte (unterschiedliche Schwingungsfrequenz und -amplitude) einsetzt, gibt es ein Empfindungsungleichgewicht. Bei Patienten nach Apoplexie habe ich jedoch die elektrischen Geräte nur eingesetzt, wenn diese mir auch Rückmeldung geben konnten.

Vibrationsschlangen und -kissen lassen sich im Muskel- und Gewebebereich einsetzen (Nydahl 1998). Diese Vibrationen wirken oft nur lokal und sind wenig kontrollierbar. Aus meiner Erfahrung würde ich diese Geräte nur sehr sparsam einsetzen, und dies erst, wenn ich den Betroffenen schon einschätzen kann. Keine Probleme bereiten solche Geräte, wenn diese Menschen sich klar (verbal) äußern können.

In vielen medizinischen Einrichtungen existiert der „Vibrax“. Er wird oft auf Intensivstationen zur Sekretlösung eingesetzt. Als Stimulationsgerät sind mir die Schwingungen zu heftig, wenn der Betroffene sich nicht äußern oder sich dagegen wehren kann. Nydahl setzt dieses Gerät zur Mobilisationsvorbereitung ein, wobei er das Vibrax-Gerät an die Matratze anlegt und die Schaumstoffauflage als Schwingkörper verwendet (Nydahl 1998). Bei der Benutzung mit sekretolytischem Ziel ist dieses Argument auch zu bedenken, da dies Ängste auslösen und eine Bedrohung darstellen kann. Auch sollte die Anwendungszeit von 20 Minuten, die der Hersteller in seiner Gerätebeschreibung empfiehlt, überdacht werden.

2.4 Stimmgabeln

Sie bieten sehr feine Schwingungen. Für Vibrationen eignen sich Stimmgabeln, die im neurologisch-diagnostischen Bereich verwendet werden (C-Ton/128 Hz) und aus Stahl sind. Darüber hinaus sind Stimmgabeln im Musikgeschäft zu erhalten. Diese sind jedoch nur im Tonbereich zu verwenden (z. B. A-Ton/440Hz, h1-Ton/480 Hz – sie werden zum Stimmen von Musikinstrumenten eingesetzt. Vgl. 1.1).

Anders sind die Stimmgabeln aus Aluminiumlegierung (z. B. G 384 Hz, C 256 Hz), deren Töne zwar hörbar, jedoch nicht als Ton über die Knochenleitung am Kopf wahrnehmbar sind. Die Schwingungen dieser Aluminiumstimmgabeln sind auf dem Muskel kaum spürbar; am Knochen angesetzt sind sie jedoch fein aber deutlich wahrnehmbar. Wo elektische Geräte viel zu heftig erscheinen, bieten diese Stimmgabeln eine Alternative. In esoterischen Läden sind diese Stimmgabeln unter Planetennamen zu erhalten. Bei der Anwendung ist zu beachten, daß die Aluminiumlegierung vom Material her recht spröde und daher nur sehr vorsichtig „anzuschlagen“ ist.

2.5 Musikinstrumente

Rhythmische Instrumente eignen sich für vibratorische Angebote, besonders solche, die über Klangkörper verfügen, die man an den Körper der Betroffenen heranbringen kann (z. B. die Hand auf das Instrument legen). Natürlich sind die Vibrationen von Musikinstrumenten nicht vom Klang, den sie erzeugen. zu trennen. Dadurch bieten sie die Verknüpfung von auditiver und vibratorischer Stimulation.

Alternativ dazu ist eine Lautsprecherbox zu nutzen, über die man Musik vibratorisch vermitteln kann. Baßschwingungen sind starke Vibrationen. Ist aus der biographischen Anamnese erfahrbar, dass vor dem traumatischen Ereignis Musik eine wichtige Rolle im Leben des Betroffenen spielte, drängt es sich fast auf, diese Angebote anzubieten.

Hat man die Möglichkeit, mit einer Musiktherapeutin zusammen zu arbeiten, sollte diese Ressource genutzt werden.

2.6 Therapeutische Vibrationsgeräte

Im therapeutischen/pflegerischen Bereich gibt es Geräte, die den Betroffenen Vibrationen aussetzt. Dazu gehören z. B. die Antidekubitusmatratzen. So schwach wir „Gesunden“ die Vibrationen und Geräusche der Aggregate wahrnehmen, so stark sind die Wirkungen auf den im Bett Liegenden. Ich habe Patienten im Krankenhaus erlebt, die innerhalb von zwei Tagen die Wahrnehmung für den eigenen Körper völlig verloren haben. Und das, obwohl diese Menschen täglich passiv durchbewegt wurden. Eine Mobilisation aus dem Bett mußte erst langsam wieder antrainiert werden. Wenn Vibrationen zur Routine werden, nehmen sie dem Menschen wichtige Wahrnehmungsfähigkeiten. Sie überlagern andere Wahrnehmungskanäle, bis dahin, dass sich der ganze Körper den eintönigen Schwingungen anpasst.

Dem gegenüber werden Spezialbetten im Behindertenbereich angeboten. So zum Beispiel aus dem Angebot vom Snoezelen, die Klangbetten. Meine Erfahrungen damit: einerseits gibt es Menschen, die auf diese Art der vibratorischen Erfahrung sehr gut ansprechen (besonders Kinder). Auf der anderen Seite reagieren Betroffene mit Aggression, Angst und Panik auf dieses Angebot. Es empfiehlt sich, solche Angebote unter einem langsamen Heranführen zu nutzen. Wichtig erscheint mir, daß man diese Menschen auch nicht alleine auf dem Klangbett läßt und auf die Dauer des Einsatzes achtet. Sicherlich bieten Vibrationsbetten eine Möglichkeit, hohe Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsbereitschaft zu erreichen. Und diese kann man dann als zusätzliche Angebote nutzen.
 

3 Vibration als Angebot

Unter Angebot verstehen wir in der Basalen Stimulation®, mit einem Menschen einen gemeinsamen Weg zu finden, wobei er dabei die Führung übernimmt. Dabei kann er seine Fähigkeiten wahrnehmen und nutzen, sich und seine Umwelt positiv erleben, sich in Bezug zu ihr zu erfahren und weiter zu entwickeln. Dabei begleiten wir diesen Menschen im Dialog, d. h., wir treten in eine Beziehung mit ihm ein und schaffen so für ihn einen Raum, in dem er Sicherheit und Begleitung erfahren kann.

Grundsätzlich gibt es zwei Qualitäten:

- Wir schaffen eine Umgebung, die für den wahrnehmungseingeschränkten Menschen förderlich ist. Dazu gehören eine weitgehend entspannte Lage; eine Möglichkeit, den Dingen mit den Augen folgen zu können; ablenkende Faktoren so weit es geht auszuschalten; Privatsphäre zu schaffen; und nicht zuletzt: Sicherheit zu vermitteln.
An verschiedenen Materialien erfährt der Betroffene sich sinnlich, er macht Körpererfahrungen am Material beziehungsweise entdeckt er am Material dessen unterschiedliche Eigenschaften (z. B. die Unterschiede von warm und kühl, hart und weich, rund und eckig). Mittels vibrierender Geräte spürt der Betroffene einzelne Körperteile zueinander gehörend, erfährt deren Dimensionen; sie schaffen durch die sich ständig verändernden Bewegungen eine hohe Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und den Gegenstand. Verschiedene Vibrationsqualitäten kann ich gezielt zur Wahrnehmung entsprechender Körperteile (z. B. Knochen, Muskeln, Lunge) einsetzen.

- Ganz anders sind die Vibrationen mit meinem eigenen Körper. Ich nutze die Schwingungen, um mit dem Menschen eine Beziehung aufzubauen. Meine Berührungen unterscheiden sich von denen anderer Menschen, sind sozusagen ein Daumenabdruck meiner Person; genauso meine Vibrationen. Zwei Menschen begegnen sich auf der Sinnesebene der Vibrationen. Meine Zugewandtheit, meine Konzentration und Wachheit überträgt sich auf den Betroffenen. Ich kann sehr differenziert auf kleinste, vielleicht nur im direkten Kontakt wahrnehmbare Äußerungen, im Hier und Jetzt ohne Verzögerung mit Veränderung meines Angebots antworten. So lassen sich neben den Vibrationen, der Wahrnehmung von Umwelt und eigenem Körper noch menschliche Werte vermitteln.

Vibrationen über Berührung bleiben immer kontrollierbar und eine Grenze zum „Zuviel“ drängt sich sofort über mein eigenes Unwohlsein auf, ist intuitiv wahrnehmbar. Nicht zuletzt ist es daher sehr wichtig, bevor ich ein Angebot mache, mein eigenes Befinden zu reflektieren, zu sehen, ob es mit dem Angebot stimmig ist.

Berührungen haben immer etwas mit Nähe zu tun. Was bedeuten kann, dass sie für den Betroffenen schon zu viel sein können. Aber auch, dass ich solche Angebote nicht jedem Menschen machen kann - Beziehung und Berührung sind etwas sehr Persönliches. Und oft müssen Berührungen auch auf rein fachlicher Ebene bleiben. Als Pflegekraft oder Therapeut bin ich nicht die Bezugsperson für jeden Betroffenen. Vielleicht ist es dann viel sinniger, die Bezugsperson als Co-Therpeuten zu begleiten, zu beraten und anzuleiten, anstatt dies selbst zu tun.

3.1 Angebote gestalten

Zur Vorbereitung eines Angebotes können uns Gespräche mit Angehörigen und/oder mit der Bezugsperson wichtige Hinweise geben, in welchen Bereichen wir mit der Stimulation beginnen können. Meiner Erfahrung nach hat es mir immer sehr geholfen, wenn ich nach Betreten des Zimmers die direkte Umgebung des Menschen auf mich wirken lies, stehengeblieben bin und nur beobachtet habe. Kenne ich den Betroffenen dann schon, ist es mir wichtig, dass ich alles, was ich zum Angebot brauche, in greifbare Nähe bereitlege. Dadurch vermeide ich, dass ich den Kontakt abbrechen muß, um nötiges Material zu besorgen.

Jeder Körperkontakt bedeutet einen Eingriff in den Privatbereich des Menschen. Achtung und Wertschätzung sind eine wichtige Grundhaltung der Pflegenden und Therapeuten. Meine innere Einstellung sollte mit dem Angebot übereinstimmen: ich kann keine entspannenden Angebote machen, wenn ich selbst „unter Strom stehe“ oder wenn ich mich nicht mit meinen Gedanken aus dem Routinealltag ausklinken kann. Nicht nur mit unseren Worten, sondern auch mit unserer Haltung vermitteln wir: „Jetzt habe ich Zeit für Sie.“ Der Raum der Begegnung sollte Sicherheit für den Betroffenen bieten.

Jede Kommunikation hat eine Annäherungsphase, einen Beginn, eine Begegnung und eine Abschiedsphase. Diese Schritte werden bewußt geplant, wobei es sich in der Begegnung völlig anders entwickeln kann. Vibrationen kann sich keiner entziehen. Eine Annäherung ist besonders wichtig, wenn wir mit Vibrationsgeräten arbeiten. Sie sollten sehr gezielt eingesetzt werden.

3.2 Zeit und Kontinuität

Entwicklung wird im menschlichen Leben meistens durch Momente angestoßen. Es sind selten lange Prozesse, die eine Entwicklung beginnen lassen. Wenn jedoch die Entwicklung angestoßen wurde, entsteht eine Dynamik, die Kontinuität braucht. Übertragen auf die Situation bei Wahrnehmungseinschränkungen: es ist entsprechend meiner Erfahrungen bedeutend, dass Angebote so früh wie möglich nach einer Krise (z. B. Trauma) angeboten werden, da Anknüpfung an Vorerfahrungen und im Gedächtnis verankerte Erinnerungen (Biographische Anamnese!) eher möglich sind, als wenn der Zustand sich bereits manifestiert hat. Aber selbst noch nach Jahren eines Krisengeschehens werden Zugänge zu wachkomatösen Menschen gefunden und Entwicklungen angebahnt. Ähnliches habe ich in Altenheimen erlebt, dass Menschen, die in ihren Fähigkeiten zunehmend reduziert sind, durch wenige Begegnungen erstaunliche Aktivitäten (z. B. plötzlich wieder motiviert waren, aus dem Bett, zum Teil sogar selbständig, aufzustehen) zeigten. Oder alte Menschen, die allein durch Veränderung der Bettstellung im Raum (in den meisten Kliniken stehen die Patientenbetten mit dem Kopfteil an der Wand. In den Wohnungen sind es viele alte Menschen gewohnt, daß eine Seite des Bettes durch eine Mauer begrenzt ist) ihre Orientierung wiederfanden.

Die Aufnahmefähigkeit ist bei vielen wahrnehmungseingeschränkten Menschen zeitlich sehr reduziert. Die Konzentrationsfähigkeit ist häufig nur von kurzer Dauer. So können Angebote von mehr als 10 Minuten eine Überforderung darstellen. Dies gilt im besonderen Maß für Rehabilitationseinrichtungen, in denen Betroffene rund um die Uhr ihre verschiedenen Therapien und Anwendungen haben. Hier noch zusätzlich ein basales Angebot zu machen (wie in unserem Fall ein vibratorisches) sollte überdacht werden – eine Ruhephase könnte aus der Sicht der Basalen Stimulation® vielleicht das bessere Angebot sein.

Nach jedem Wahrnehmungsangebot sollte eine Ruhephase folgen die es dem Betroffenen ermöglicht, den Wirkungen des Angebotes nachzuspüren. Erfahrungsgemäß würde ich diese Phase mindestens genauso wichtig erachten wie das Angebot selbst. Ist mein Ziel, dem Menschen etwas Aktivierendes anzubieten, spricht eine lange Ruhephase dem entgegen. Ist das Ziel Entspannung, würde es sich anbieten, vor dem Angebot den Betroffenen zu lagern, so dass er danach über eine längere Zeit dem Angebot nachspüren kann.

3.3 Überlegungen vor dem Einsatz von Vibrationen

Vibrationen sollten in den Nierengegenden nur unter größter Vorsicht eingesetzt, eher völlig ausgesparen werden. Dies gilt insbesondere bei elektrischen Vibratoren. Prinzipiell sollte man Bereiche, die gefährdet oder akut erkrankt sind, meiden (z. B. Herz, Wirbelsäule, HWS!, Knochenbrüche, Wunden). Zwar gibt es Artikel, die Druck und Zug als unterstützende Maßnahmen zur Knochenbruchheilung beschreiben; auch werden Schallwellen zur Zertrümmerung von Nierensteinen verwendet; Bewegung und Belastung der Wirbelsäule sollen helfen, die Osteoporose herauszuzögern – aber dies sind alles keine Argumente, Vibrationen im Rahmen der Basalen Stimulation® in diesen Bereichen anzuwenden. Basale Stimulation® hat kein entsprechendes therapeutisches Ziel. Daher sollten wir diese Regionen außen vor lassen.

Vibrationen am Muskel können z. B. bei Krankheitsbildern der Hemiplegie, des Querschnitts und des Schädelhirntraumas Spastik (spastische Muster) auslösen. Dies ist jedoch sehr individuell. Eine Anwendung trotz dieser Krankheitsbilder bedarf einer hohen Beobachtungsgabe und viel Erfahrung.

Direkt an Gelenken sollten Vibrationsgeräte nicht angesetzt werden. Die hohe Dichte der Propriozeptoren und die häufig anzutreffende Sensibilität/Hypersensibilität in diesen Bereichen sprechen dagegen.

3.4 Vibration und die anderen Stimulationsbereiche

Den Bereich der vibratorischen Stimulation zählen wir zusammen mit dem vestibulären und dem somatischen zu den ersten Wahrnehmungsfähigkeiten, über die der Mensch mit seiner Umgebung kommuniziert (Fröhlich, A. 1998). Des weiteren entwickeln sich, zum Teil auch parallel zueinander, der olfaktorische, visuelle, auditive, taktil-haptische und oral-gustatorische Bereich.

Biete ich mit meinen Händen Schwingungen an, sind die Vibrationen nicht vom somatischen, taktil-haptischen und gegebenfalls vom auditiven oder visuellen Sinnesbereich zu trennen. Wir setzen zwar einen Schwerpunkt, doch immer ist der ganze Mensch mit seiner Wahrnehmung angesprochen (Fröhlich 1998, S. 63ff). Die Aufschlüsselung nach einzelnen Sinnesbereichen ist hilfreich für die Planung, die Beobachtung und die Analyse. Doch sie beschert uns immer wieder ganz unerwartete Reaktionen vom Betroffenen. Er entscheidet, wie er das Angebot für sich nutzt. So kann eine entspannend und beruhigend gemeinte Anwendung genau das Gegenteil bewirken.

Vibrationen unterstützen die Mobilisation, Aktivität, Aufmerksamkeit, Wahrnehmungsoffenheit, Atmung, Tonusregulierung und vieles mehr. Aus Sicht der Basalen Stimulation® stehen aber immer die Kommunikation, der Dialog, das DU-und-ICH im Mittelpunkt unserer Bemühungen. Über den Weg der Vibrationen suchen wir einen Zugang zum Menschen.

Zusammenfassung

Es gibt kaum Veröffentlichungen zum Thema der Vibrationen. Obwohl dieser Wahrnehmungsbereich elementar für die Entwicklung des Menschen ist, wissen wir nur sehr wenig über seine Bedeutung. Dieser Artikel kann das weite Thema nur anreißen, zeigt aber, wie viele Ressourcen und Variationsmöglichkeiten sich alleine im Bereich der Vibrationen auftun.

Die vibratorische Stimulation wurde exemplarisch genutzt, um Kernaussagen des Konzeptes Basale Stimulation® darzustellen, welches Professor Andreas Fröhlich, Leiter des Institutes für Sonderpädagogik an der Universität Koblenz/Landau, entwickelt hat und welches Frau Chistel Bienstein, Leiterin des Institutes für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke, in die pflegerischen und therapeutischen Tätigkeitsfelder übertrug.

Der pädagogische Ansatz dieses Konzeptes bietet dem naturwissenschaftlich-orientierten Gesundheitssystem eine neue Perspektive: die Beziehung und die Kommunikation als tragendes Element pflegerischer und therapeutischer Arbeit zu entdecken. Entwicklung von Fähigkeiten wird der defizitär-reparatorischen Sicht an die Seite gestellt und bietet Menschen in extremen Krisensituationen die Chance, ihre eigenen Ressourcen zu entdecken und ihre Umgebung zu nutzen.

Für professionell Tätige bedeutet dies, sich sehr intensiv mit Wahrnehmung sowie nonverbaler Kommunikation auseinanderzusetzen und neue Wege in der Beobachtung und Interpretation zu gehen. Die Bezugsperson bekommt einen zentralen Stellenwert für die Gesundung und Entwicklung des Betroffenen, wird sogar zur Co-Therapeutin. Dies bedeutet auch ein Umdenken in vielen therapeutischen und pflegerischen Bereichen, weg vom Behandler, hin zur Begleiterin und Beraterin.

Die Basale Stimulation® gibt Anstöße, ritualisierte Abläufe im Gesundheitssystem und in den Gesundheitsberufen zu überdenken und neu zu bewerten. Alltagssituationen und lebensweltnahe Aspekte rücken in den Blick der Berufe und bekommen zentrale Bedeutung.

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© Letzte Aktualisierung: 06.12.2018